Der in München lebende Schauspieler Ernst Häußinger befindet sich in einer Grenzsituation: HIV-positiv, ist er tagtäglich damit konfrontiert, in naher Zukunft »abtreten« zu müssen. Er ist 42 Jahre alt, als ihn seine 70jährige Mutter lapidar darauf hinweist, »daß wir alle sterben müs- sen«. Nicht leicht zu verdauende Worte angesichts der Tatsache, daß er gerade seinen Arbeitsplatz am Theater verloren hat, weil sich Kolle- ginnen und Kollegen geweigert haben, mit einem »Immunschwachen« zusammenzuarbeiten. Trotzdem: Ernst Häußinger will kein Paria sein, der still erduldet und vor sich hinleidet - er bekennt sich zu seinem Status.

Aus dem Material vieler Zusammenkünfte mit dem Autor entstand ein Stück, das mithelfen will, Aids menschlich zu machen, die Krankheit zu verstehen, gegen Vorurteile und Ausgrenzung anzukämpfen.

Barwasser: »Wir haben fast ein Jahr gebraucht, um eine Vertrauens- basis herzustellen, bis das erste Wort auf Band mitgeschnitten werden konnte. Denn über Verstoßung, sozialen Abstieg, Angst und Wut auf vorhandene Barrieren zwischen Immun'schwachen' und Immun'starken' unter vier Augen zu sprechen ist eines, vor Tausenden von Radiohö- reren sein eigenes Requiem zu halten, ein anderes. Es nicht leicht, im Gespräch über gewisse Punkte hinauszukommen, wir benötigten un- zählige Anläufe. So wünsche ich mir, daß jeder, der das Protokoll hört, etwas von dem begreifen mag, was ich von Ernst Häußinger begreifen und lernen konnte: Mut zur Wut ist immer auch Mut zum Leben. Zum Lebenwollen im Totwerden.«


Seinen Baum suchen
Tonprotokoll über den Schauspieler Ernst Häußinger, 42, Aids
von Karlheinz Barwasser
Neben Ernst Häußinger wirken mit: Hildegard Illigens und Christian Noak
Realisation: der Autor: Produktion: Karlheinz Barwasser und Robert Stauffer
© der Autor 1990  All rights reserved
Spieldauer: 54:58 Stereo