Als schwarzviolettes Dauermyzelgeflecht der Roggenähre ist Mutterkorn hochgiftig. Wegen seiner Alkaloide wird es auch zur Einleitung von Geburtswehen verwendet.

Barwassers Roman ist die Beschreibung einer nochmaligen Ent-Bindung. Unter dem unmittelbaren Eindruck des Todes der Mutter erlebt Gregor Wander die drei Tage zwischen dem Erhalt der Nachricht und dem Begräbnis. Der Tod der Mutter, zu der die Verbindung jahrelang abgebrochen war, ist für den Sohn der Beginn einer Empfindungsreise, auf der er eine verdichtete Wiederbegegnung mit seiner Vergangenheit erlebt, die bruchstückhaft aus dem Unterbewußtsein auftaucht. Das Erzählen folgt dabei den assoziativen Gesetzen der Erinnerung, welche die Dinge nicht nach ihrem zeitlichen Ablauf, sondern nach der Intensität des Erlebens und ihrem Sinnzusammenhang ordnet. Das Durchleben der Vergangenheit mit ihren Verstrickungen von Haß und Liebe zwingt den Sohn zum Aufspüren der Motivation seines Lebens, aber auch der Spuren und Narben, die die Mutter hinterlassen hat.
Dabei zeigt sich diese Vergangenheit in beider Leben als eine Aneinanderkettung von Hoffnungen und Hoffnungslosigkeit, von Erwartungen und Enttäuschung. Da hat jeder den anderen belauert und keiner den anderen entlassen, um das masochistische Spiel zwischen Liebe, Nähe, Distanz und Entfremdung zur Perfektion zu treiben.
Barwasser findet in diesem Roman sein eigenes sprachliches Programm. Er führt den Leser durch eine Welt der Worte und Bilder, die, trotz des häufig in Sarkasmus mündenden Zweifels, aus Sinnnlichkeit und Sehnsucht besteht und sich einer starken Symbolik und Metaphorik bedient. Mit diesem Kunstgriff gelingt es ihm, die nahezu gespenstische Unwirklichkeit einer Beziehung einzufangen, und eine vom Endpunkt erzählte Entwicklungsgeschichte wird sichtbar: die Doppelbiographie einer Beziehungskonstellation, die eigentlich bestimmt war vom fehlenden Urvertrauen.
Ein altes Thema, durch den sprachlichen wie erzählerischen Zugriff literarisch überzeugend neugestaltet. Barwasser erhielt für diesen Roman das Stipendium für Literatur der Landeshauptstadt München.

Mutterkorn, Roman, A1 Verlag München 1996, ISBN 3-927743-25-9