Passover

Nicht weitersagen: was zu sehen ist, bleibt
der Körper. Übend den Schein, gebeugt, der
Arm zum Zwang, doppelt gebeugt: weiter in
Geduld. Wir Tiere unter anderen Tieren, eines
fällt als Laterne, eines als Lüster, strahlend
noch (neben Mazzen, Bitterkraut, Eiern und
Wein) der Knochen und Lehm, und auch die
Hemden gestärkt, gebügelt. Wir finden uns
lebendig, das nützt der Scham: abgeleuchtet,
knietief gebeugt. Abglanz, sieben Tage, ganz
kranke Not. Nur was sich öffnet, bleibt Kontur.

Schwerkraft

Morgenfell, Urgeruch, hebt sich der Arm vom
Nacken fort. Alles Heitere ist frivol: ab dem
Leib, runter. Spricht also das Herz, wenn das
Fleisch verschossen: Fundgruben, Schuttberg.
Wenn es so kommt: manchmal durch Verirrung.

Ein Mann

Stand im Fensterkreuz, im Dachgebälk, im
Kellerloch dann klein. Verlor gar in jedem
Licht die Räumlichkeit, schrieb ohne Tinte.
Schrieb, daß er nichts besitzen kann und
nichts mitnehmen: nachts das gewöhnliche
Abfedern, die Liebe arrangiert, dabei die
Last benannt, genial vereinfacht, vereint.
Lag im Spiegelbild, in der Traurigkeit, im
nackten Körper gekrümmt. Schwor auf die
letzte Sünde, den Mehrwert frommgelächelt.
Saß im Ausblick, schlug in sich: die Ewigkeit.

Gedicht Gesicht

Nichts davon, als wenn ich
rückwärts ginge, nur geschoben,
dann weiter: die Gläser Wein, noch
heißt es zu reimen. Und wenn die
Tage zuschlagen, später: du gingst
nicht mit, nicht gewöhnlich und
nicht ungerührt. Nicht formlos.
Umverteilte Last. Punktierter Blick.

Wien, Lusthaus

Als ließe sich an diesem Tisch alles
öffnen: so hebe ich das Glas auf
muntere Reime: die alten Herzen im
neuen Blut, jedes auf seine Art der
Geschichte aus dem Netz gefallen.

Ich eigne dir mein Hemd zu, Hose,
Schuhwerk, Kippah: lachend. Kein
Glas, das jetzt über den Tischrand
rutschte, nicht die Flasche und
nicht die Teller. Das macht die
trockene Luft: ich lache, das ist viel.

Play me

Der Schatten einer
Jacke: jetzt steht die
Flut bis zum Hals.

Von der Hand in die
Hand: einer geht,
einer bleibt im Umriß.

Nicht in die Haut, auch
nicht in die Knochen:
junge beißende Hunde,
läppische Wunden.

Schlaf, geschlossene Abteilung

Beuge, Nagel, den Finger drauf. Hier ist der
Anfang und wo das Ende. Drin der Schlaf, vier
Beine, ein Tischtuch, die Bestandteile bekannt,
Zutaten, Faktoren: sich selbst zum Gegenstand.
Und sagt er Körper, heißt es Rinde, Rand. Und
Schatten. Und Landschaft aus nichts: welche
Verwandtschaft zur Wunde. Auch sonst nichts
Schlimmes, nur ein Mord. Ein Klavier riecht
nach Magen, ein Nilpferd kastriert. Finger hoch,
geleckt, nicht gespürt. Versickert im Boden: kein
fünftes Bein. Und zielen, das Loch. Nie Licht.

Hände gebunden

Dieses kurze Wort nur, das dich
entzündet, eine neue Steigerung:
seine Stimme, die Nerven und Adern
spannt, schräg gerutscht auf dem
Gefälle: Treten im Zwischenbereich,
darin noch deine Handbewegung, um
alles rückgängig zu machen, auch
wenn die Angst überlegen macht:
kein Ort, nichts, unauflösbar, wo
schon ein Blick Verrat sein muß:
flockt es sodann im Kopf: tief nur
geschaut, nicht zwischen seine
Beine gekrochen, kein Wehlaut,
wie du dich auch drehst, gedrängt.

Spuren

Nach dem Spätfilm, danach ist es die
nackte Wand, das halboffene Fenster, die
Ecke, in die der Schatten fällt. »Also, was
tun wir uns?« Dünner die Schicht, der
Eindruck von Bewegung. Und das
Sprechen fixiert die Punkte an uns
vorbei, fixiert die Zeit, die wir sehen und
spüren. Jedoch niemand hat uns davon
erzählt. Nicht zu fassen, wie leicht: dieser
einzige Schlag. Nach dem Film, danach die
Sommerveranda, der Wintergarten, die
Vase mit Schilfkolben. Salziges Brot, wir
stehen und schlucken, der Schatten durchs
Fenster. Alt und neu: zwei Sollbruchstellen.

Hardcore

Zangenepisode, nicht Stumpfung, nicht
Last, auch der Schmerz: der wächst und
fällt sich in die Knie: nur Tragkraft. Das
Lachen erinnert, verschweißte Hand. Nach
hinten, immer über die Schultern und
weiter, Signalwörter, schon vorher als
Belohnung mit der Hand gefüttert, ein
Liebesbrief. Schüreisen, Schnittwaren,
Schnittfleisch: Märchen geschnitten, ein
Grobschnitt: kopfüber geschrumpft der
Großhirnteil: es drehen die Füße nach
innen: alles Tragkraft. Und reiße den
Vorhang, laß Licht hinaus. Forme, stich!


Passover, Gedichte, Stora Verlag München 2001, ISBN 3-929045-67-2
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