Mitgemacht haben (mittel- und unmittelbar): Jeannette Schmid, die die weltbekanntesten Radio-Sprichwörter rezitiert, und Robert Stauffer, der Wissenswertes über das Radio von der Steinzeit bis heute vermittelt.
Außerdem: The Rolling Stones, Helmut Kohl, Spliff, Queen, George Tabori, 5 Pferde (wiehernd und galoppierend), Martin Semmelrogge, Hanne Wieder, 3 Kreissägen, 1 Schlagbohrmaschine, Wolfgang Ama- deus Mozart (gespielt), 1 Soundprobe des BBC-Radiophonic-Work- shop, die Ein- und Ausschalttaste eines Kenwood-Radios, jede Menge SchauspielerInnen und ModeratorInnen, SprecherInnen vom BR, SFB, Radio der DDR, ORF, SDR, DRS, von RTL, Radio 100, Radio Gong 2000, Radio Charivari, Radio Xanadu und AFN, 4 Englein im Himmel (zitiert), 1 stechschreitende Bundeswehrtruppe, 4 Kirchen- und 1 Kuh- glocke, Ernst Jandl, Peter Rühmkorf, 2 Babys, etliche Kinder männli- chen und weiblichen Geschlechts, 1 Menschenmenge in Panik (simu- liert), 7 Düsenjäger (davon 3 die Schallmauer durchbrechend), Johann Wolfgang von Goethe (zitiert), Immanuel Kant (zitiert), Thomas Mann (der frühere; zitiert), Falco (da noch auf Erden), Jolly Roger, Michael Jackson, 6 Sende-Signations, Helga von RTL (die Wasserstoffsuper- oxidblonde), der Schneider des Bundeskanzlers, Cornelia Froboes, Gloria von Turm und Tasse (oder so ähnlich; zitiert), Maria Fallaci, Radiorauschen, 1 schreiende Frau, 2 Hubschrauber, Wellensalat, 1 Radio- Agentin, Aristoteles, Udo Jürgens, Cicero, die Toten Hosen, Kurt Waldheim (sämtlich zitiert), die Tonaufzeichnung »Stille Nacht« des Edison-Symphonie-Orchesters, Berlin, mit Chor und Solist auf der Edison-Walze (um 1900), die Gladbecker Geiselnehmer- und Mörder- Sau Hans-Jürgen Rösner, Maschinengewehre, Hansgranaten, 1 Ra- sierapparat, 1 Haar-Föhn, Flaks und Pistolen, 2 Löwen, 2 zu Bruch gehende Fensterscheiben, diverse Detonationen, 1 zu Boden gehen- des Porzellanservice, 3 Notarztwagen (im Einsatz), 4 Krimi-Sounds zum Totfürchten, 1 Gewitter, 1 nasenschneuzende Frau, Peter Ale- xander, 6 Verkehrsdurchsagen, 11 Nachrichtensendungen, Frecce Tricolori (noch in der Urbesetzung; zitiert), Thomas Gottschalk (da noch beim BR), Vogelgezwitscher, zig Radio-Jingles, 3 Zeitansagen, 1 treuer Grußsendungshörer, 1 Kater (kastriert und schwarz, komplett mit Katzenklo; zitiert), 4 Wetterberichte, jede Menge Werbung, 1 Raketenstart, Franz Josef Strauß (imitiert), Sigrid Marquardt, The Occupation, 1 Furz, Louis Armstrong, 1 Fußball-Bundesliga-Spiel (FC Dings gegen Spielverein Dongs), Le Mans (ohne Unfall), Manfred Nie- haus, 1 Wasserglas, Walt Whitman (zitiert: »Die Liebe zum Leib eines Mannes oder Weibes«...Jaaaayoiiihh!), das F.J.Strauß-Building (wohl in Planung, oder?; zitiert), Christoph Lindenmeyer (ehem. Hörspiel- zündfunker), 1 Motorrad, Emerson, Lake & Palmer, Katjes Frucht- gummis (ohne Farbstoffe), Hermann Hesse, Udo Lindenberg, Clemens Dualis (zitiert), Macky Messer (zitiert by Brecht himself), Öl aus dem gleichnamigen Nazi-Hörspiel (nur zitiert), 1 Philips-Video-Printer, Walter Scheel (der singende), 2 Spontis, Ekseption, Duran Duran, 1 Sirene, 1 Überspielsignation, 1SDR-Tontechnikerin (luschige Stimme), 3 lachende Greise, 1 Schwein (grunzend), 1 zu Boden gehender Be- steckkasten, Casablanca (Rick; zitiert), »Leise rieselt der Schnee«, 3 Zeitzeichen, 2 sächsische Schauspieler, The Carpenters, Demosthe- nes, die Fischer-Chöre (alle zitiert), The Troggs, 1 kleine Nachtmusik, Arnold Schoenberg, Luni I im Weltraum, Queen Elizabeth in Bonn, The Beatles (singend und smalltalkend - auf Deutsch), 1 Überlebender von Warschau op. 46, Gustaf Gründgens als Mephisto, 1 geiler Satan (zitiert), 1 amerikanischer Countdown, Lorose Keller, Fehlfarben, Erik Sylvester, das Kamel Nadja, 2 Hunde (jaulend und bellend), Prince, Meeresrauschen, 1 Börsenmeldung, halb Bayern (zitiert), 1 gurgelnder Mann, 1 spuckender Mann, Helen Vita, John F. Kennedy, 1 Toast knabbernder Mann, 1 Türglocke, Roy Black (als sein Herz noch schlug), 1 weißes Brautkleid und 1 Blumenstrauß (zitiert), mehrere lachende Frauen, Adolf Hitler, Wolfgang Büttner, Samuel Ramey, Anna Tomowa-Sintow, Carmen, Herbert von Karajan, die Berliner Philharmo- niker, Frank Farian (Rocky, ich habe solche Angst zu sterben, ich weiß nicht, ob ich das bringe... aber klar doch!), Wiener Philharmoni- ker, Gustav Mahler, Astrid Gehlhoff-Claes, 1 Intercity-WC-Tür, 1 Pa- pagei, 1 Rhesusaffe, 1 Schimpanse, Rainer Delventhal, Rita Schaf- hauser, Chakakhan, Peter Tschaikowsky, Jacques Offenbach, Placido Domingo, 1 Bundeswehrgeneral, 1 erschreckender Mann, Joan Suther- land, 1 Offset- Druckmaschine, Ernst Häußinger, 1 katholischer Got- tesdienst, 1 Wecker (erst tickend, dann rasselnd), Serghei Prokofiev, 3 Telefone (läutend), 2 Besucherinnen des Wachsfigurenkabinetts von Madame Tussaud, die Mama-Stimme einer Puppe, The Sweet,
sowie: 7.900 Meter Tonband Agfa PER 528, 5 Rollen Scotch-Spleiß- band, 1 Uher 4200 Report- Bandmaschine, 1 Realistic-Bandmaschine, 1 TEAK-Cassettengerät A-510, 2 Revox- Bandmaschinen B77, 1 Master-Bandmaschine Revox PR 99, 1 Mischpult Inkel PRO.MX-1200 E (16-Kanal), 2 externe Hallgeräte Kenwood SP3, 2 Sennheiser-Mikro- phone, 1 Beyer-Dynamic- Kopfhörer, 1 AKG-Phantom-Powering-Unit, 1 JVC JA-S31- Amplifier, 1 Marantz-Tuner 105B, 1 Handy-Sampler, ca. 80 Bobbys, meterweise Vorlaufband rot und blau und gelb für Stereo und Mono, 1 Ventilator, 1 Reparatur (DM 119,30)
und: 19 Tage je 15 Stunden Arbeit im August und September 1989, 2 Flaschen Jim Beam Kentucky Straight Bourbon Whisky, 1 Flasche Wilthen’s Dry Gin, 1 Flasche Avra Ouzo, 5 Flaschen Adelholzener Diät-Fruchtnektar (10 Frucht), 12 Flaschen Überkinger Mineralwasser, ca. 100 Tassen Lipton Tee (Rich Assam - voll und kräftig; Finest Earl Grey - frisch und duftig; Maracuja mit Blüten), 4 Dosen Ravioli, 5 Pfund Spaghetti mit Sauce Al Gusto, 100 Stullen mit Margarine und Wurst und Käse, Obst, Gemüse und 5 Besuche beim Chinesen in der Cor- neliusstraße, da keiner von uns so richtig kochen wollte.

Wer Radio hört, lebt nicht verköhrt
Radio - was ist das eigentlich noch? Wenn man Goethe Glauben schenkt, dann ist Radio die »Hohe Schule des Verstellens«, bei Kant ist es eine Disziplin, die auf das »Überschleichen« abzielt, und als einen Beförderer des »Aufwieglertums« hat es der frühe Thomas Mann gesehen. In der Tat: der Lasterkatalog ist lang, die Polemik schrill, und die Kritikpunkte haben sich im Laufe der Radiogeschichte kaum verän- dert.

Man soll die Programme feiern, wie sie fallen
Der Zentralvorwurf lautet nach wie vor: Radio betäubt die Sinne mit Hilfe der »Schönsenderei«, stellt ungeniert Frequenzen in den Dienst der Agitation und verzichtet auf sachlichen Diskurs und aufklärerische Besendung.

Was lange sendet, wird endlich gut
Aber all diese Vorwürfe sind ungerechtfertigt. Die Polemik der anti- radiophonen Fronde beruht auf einem doppelten Irrtum, dem »duplex irrationalis«, auf der Meinung, Radio sei nichts weiter als ein praktikab- les Instrument zum erfolgreichen Stimulieren per Wellen, und auf dem Glauben, Radiokunst beschränke sich daher nur auf »Sendekunst«.

Wo gehört wird, fallen Töne
Aber Radio ist in Wirklichkeit nicht diese technologica frapsa, deren Instrumentarium - erfolgreich angewendet - Erfolg, Einfluß und tiefe Liebe verbürgt. Radio ist vielmehr in erster Linie eine Wissenschaft.
Radio ist, wenn man trotzdem lacht
Eine Wissenschaft, deren Anwälte - von Aristoteles bis Udo Jürgens, von Cicero bis zu den Toten Hosen und von Kurt Waldheim bis Gloria von Turm und Tasse - nicht müde wurden und werden, das eine Pro- blem zu analysieren: wie kann Senden einflußmächtig und Empfangen praktisch werden?

Was Radio hört, das neckt sich
Was muß das Radio tun und welche Prämissen hat es (in einem Akt der Selbstreflexion) zu berücksichtigen, wenn es sein Ziel erreichen will: Gesangskunst vorantreiben, politische Eintracht strukturieren, sprachliche Übereinkunft und intermoderatorisches Handeln befördern zu helfen?

Radiostund hat Gold im Mund
Radio ist in erster Linie, wie wir wissen, eine Disziplin. Und deren Hauptgeschäft (Thomas Mann hat es »hermetisch« genannt) ist und bleibt das Übermitteln: die Verdeutlichung von Bandbeständen, die - anfangs höchst vage - in einem unendlich erscheinenden, von Ton und Gegenton, von Klang und Rauschen geprägten Disput langsam an- schaulich werden.

Wo man hört, da bleibe ruhig länger - böse Menschen haben keine Radioempfänger
Es ist die Intention der Suggestionskunst, dem Übertragungsschema mit Hilfe der verschiedenartigsten Programme ein Höchstmaß an Plakativität und Prospektivität zu verleihen, und nicht etwa, wie es das landläufige Vorurteil will, die Programmplätze für sich selbst sprechen und spielen zu lassen.

Ein Radiostündchen in Ehren kann niemand verwehren
Die mosquitäre Definition lautet: Radio ist die Kunst des optimierten Gebens und Nehmens, also des Sendens und Empfangens. Optimiert heißt aber hier nicht artiell strelevant oder gar hyperstrangular, son- dern: beim Hörer - beim männlichen der galba virile und beim weibli- chen der galba vulvana - an- und eingemessen. Somit adäquat der vom Sender vertretenen Meinung und der jeweiligen politischen Situation, aus der heraus er uns hineinfunkt. Kurzum: der Status einer membrana obscura.

Hören ist seliger denn Stören
Daraus, und nur daraus, folgt, daß ein Radiosender, der die Dinge, um die es ihm geht oder auch nicht, mit Hilfe von Röhre, Draht und Welle zum Schwingen bringt, besser und gezielter übermitteln kann als De- mosthenes, Cicero und die Fischer-Chöre in einer Person.

Wie man im Radio ruft, so schallt es heraus
Das Darbietungsschema - in Form einer vierfachen Trias, also 1. Pro- gramm, 2., 3. und 4. - ist simpel und (wie es die Rundfunkherrschaft beweist) effizient. Es gibt drei Übertragsungsbereiche, die dafür bür- gen: die Welt der Wellen und Salate, die der Transistoren und die der pulsierenden Leidenschaften.

Wer das Radio nicht ehrt, ist des Fernsehers nicht wert
Hinzu kommen drei nicht zu verachtende Hörerkreise: Bauern, Bürger und Adel; ebenso drei öffentlich-rechtliche Verpflichtungen: die Lehre, das Amüsement und die Passion (will heißen: erst der Appell an den Verstand, dann das Rühren des Gefühls, schließlich das Niederschla- gen des Willens - von der Pragmatik über die Ethik zur Neurose). Und letztendlich noch die drei Abhandlungsbereiche: wissenschaftlich kurzatmige, vor allem im Bereich der religiösen Unterweisung ange- messene Entzücktheit, populäre Anmut, Schirm, Charme und grazi- öses Geplauder, hohe Frequenzen und Herzstillstände.

Wer zuerst hört, weiß zuerst
Indem das Radio nachweist, daß es eine »neutrale« Sprache nicht gibt, sondern daß jede noch so dünne Meldung und flache Mitteilung intentional, also slawokativ strukturiert ist, macht es gleichzeitig, daß die composita furor nicht, wie man zwischen dem vermeintlichen Ende des aristotelischen und dem Beginn des postaristotelischen (oder auch unterhaltenden) Radios annahm, durch eine strikt reputistische Fein- abstimmung, wie immer sie auch gehandhabt werden möge, kopu- und manipuliert werden kann.

Radio geht durch den Magen
Vielmehr ist es die noch immer vorherrschende Reichweiten-Intentio- nalität, die die Seele einer jeden Radioanstalt ausmacht, wie es Cle- mens Dualis (in seinem Aufsatz von 1923 unter dem Titel »Einstürzen- de Lautsprecher«) auf den Nenner bringt.

Radio währt am längsten
Damit will er nichts anderes sagen, als daß gerade diese Intention es ist, die dem Argumentativen, Philosophischen und Abstrakten, dem Musikalischen und dem Schlüpfrigen in einem einzigartigen Appell an die Ohren das ewige Heimatrecht verschaffen muß.

Besser das Radio in der Hand, als den Fernseher auf dem Dach
Festzustellen bleibt, daß Bismarck Unrecht hatte: Radio - als eine Form der schwarzen Messe, bei deren Ritual ein Entziehen unmöglich ist - und aristotelische Radiokunst, die Advokatin der Programmde- fektik: das sind zwei verschiedene Sendeskalen.

Stereo oder Mono - das ist hier die Frage
Denn so wenig das Radio vor Instrumentalisierung und technizistischer Verkürzung geschützt ist und so oft es auch seine Autorität für anrüchige Zwecke mißbraucht hat, so unbezweifelbar ist andererseits sein verpflichtender Auftrag: Seelenführung im Horizont der Vernunft und der Flausen zu betreiben, um auf diese Weise (als ein den verschiedenartigsten Disziplinen verfügbares Sozialisations-Instrument) die ganze Welt als Unterhaltungsperlen vor die Säue zu werfen.

Freut euch des Radios, solang noch das Lämpchen glüht

RadiOh! - Eine rhetorische Hörcollage
von Karlheinz Barwasser und Robert Stauffer
Tontechnik und Regie: Karlheinz Barwasser
Produktion: die Autoren, Spieldauer: 30:53 Stereo
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