»O'zapft is«, es ist angezapft, heißt es jedes Jahr auf der Münchner Theresienwiese: Oktoberfest ist angesagt, das größte Volksfest der Welt. Und egal, zu welcher Fraktion man gehört, ob zu der einen, für die die »Wies'n« , wie die Bayern ihr Spektakel nennen, das Ereignis des Jahres darstellt, oder zu der anderen, die im Oktoberfest die letzte Zapfstelle vor dem Massendelirium sehen: keiner kann sich dem Phä- nomen des bayerischen Nationalrauschs entziehen.
Das Spektakel, »das internationale Kampfsäufergelage«, wie die Süd- deutsche Zeitung es nennt und das seinen Ursprung im Jahre 1810 aus Anlaß der Vermählung des Kronprinzen Ludwig mit Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen hat, ist inzwischen zu einem riesigen Wirtschaftsfaktor für die Stadt München geworden. Die Mas- sen aus aller Welt strömen herbei, da hält auch das Mahnmal zum Gedenken an den Bombenanschlag mit rechtsradikalem Hintergrund im Jahre 1980, der 13 Tote und 213 Verletzte forderte, niemanden ab, voll aufzudrehen und seine Gaudi zu suchen.
1996 konnte das Oktoberfest 6,9 Millionen Besucher verzeichnen. 5,1 Millionen Liter Bier wurden getrunken, tonnenweise gebratene Hendl, Schweinswürste und Ochsen verspeist. »Eine Rekord- Wies'n«, wie sich München freute. Aber auch ein Rekord, der nachdenklich werden ließ. Das Chaos an manchen Tagen war bedrohlich, die Massensze- nen vor den wegen Überfüllung geschlossenen Bierzelten waren le-bensgefährlich. Die Anzahl der Körperverletzungen und Diebstähle stieg um 30 Prozent. Festwirte beklagten beispielloses »Rowdytum und Vandalismus«. 596 mal mußte die Oktoberfest-Polizei ausrücken und eingreifen, ein Besucher erlitt einen tödlichen Herzinfarkt. 1100 Verletzte und Erkrankte mußten vom Roten Kreuz abtransportiert wer- den, 400 Patienten hatten Schnitt-, Schürf- und Platzwunden. 311 Führerscheine wurden eingezogen, 76 Unfälle im Bierrausch aufge- nommen und 1305 Autos abgeschleppt. Ein Achterbahn-Unfall forderte 26 Verletzte.
Seit Jahren ist die Festleitung dabei, über eine »Entschärfung des Oktoberfests« nachzudenken. Man verspricht, das »aus den Fugen geratene Disneyland der Wirtshauskultur« wieder in den Griff zu krie- gen, was dann wieder vergessen ist, wenn es für 16 Tage heißt: »O'zapft is« und »Ein Prosit der Gemütlichkeit«.


Wies’n-Herrlichkeit oder Die Bierolympiade
Eine Oktoberfest-Collage von Karlheinz Barwasser und Robert Stauffer
Regie: Karlheinz Barwasser, Produktion: Robert Stauffer
© 1996 bei den Autoren; Spieldauer 49:50 Stereo